jeweils 20Uhr30
THEATER HALLE 11
JOSEF WINKLER LIEST "JULIUS MEINL ODER LEICHENSCHLEIFEN IN BENARES"
10. JULI 2010 20UHR30 THEATER HALLE 11
ÜBERSEHENE ORTE
überlegungen zum projekt NACHTGARAGE
von andreas staudinger
auf meiner suche nach übersehenen nicht-orten im stadtbild klagenfurts und meinen vorhergegangenen auseinandersetzungen mit krankenhäusern, schulen und bahnhöfen fiel mir schon vor jahren die großgarage der city arkaden auf. ein schizophrener ort wie dieser – direkt im herzen der stadt – quasi unsichtbar und doch täglich von tausenden menschen „bewusstlos“ benutzt, impulsierte meine szenische phantasie und ließ mich soziologisch-architektonisches material zu diesem topos sammeln. ein parkhaus ist auf den ersten blick ja kein kulturschaffender bau im engeren sinn wie etwa ein theater, eine kirche oder bank. ihn temporär als exzentrischen, vielsagenden ort zu sehen, hatte da für mich einen großen reiz.
garage kommt vom französischen garer (in sicherheit bringen). der wortstamm la gare lebt im französischen bahnhof weiter. in gewisserweise könne man also großgaragen als automobilbahnhöfe bezeichnen.
parkhäuser/hochgaragen – diese stiefkinder der architektur - sind an und für sich tote, aseptische orte. ihre rein entlastende, entsorgende und infrastruktruelle funktion ruft in der regel eigentlich nur negative assoziationen wach. wer in ein parkhaus fährt, will in die stadt, nicht ins parkhaus. parkhäuser haben eine gewisse ähnlichkeit mit unbewohnten kellern, in die man nur notgedrungen hinuntersteigt.
es sind orte des übergangs, jedoch nicht von der art der brücke, sondern einer „schwelle“. die schwelle markiert eine grenze zwischen einem verlassenen draußen und einem gesuchten drinnen. drinnen ist die multifunktionale kernstadt, draußen ist die vorstadt, das land, das anderswo. das parkhaus organisiert ausschließlich das „hinein“ und drinnen steht der verkehr: es regelt nur den stillstand. der bau von garagen ist eine folge der motorisierung des straßenverkehrs. sie sind der preis innerstädtischer automobilität.
ein mangel an repräsentativität verleiht ihnen eine nüchterne, kalte atmosphäre. das charakteristische defizit präsentiert sich in schlichten formen, schlechten gerüchen, billigen baumaterialien: sie präsentieren sich in einer nicht repräsentativen weise.
von unholden und tätern, die diesen unort wegen seiner dunklen eigenschaften aufsuchen, hält sich niemand zu einem anderen zweck als dem des ein- und ausparkens darin auf.
parkhäuser sind eindeutig keine orte der bildung von identität. sie gehören zu jener klasse von bauten, die peter sloterdijk „orte ohne selbst“ oder marc auge „nicht-orte“ nennt. das sind transiträume, die für limitierte aufenthalte gleichsam entworfen und geradezu geschaffen sind, „ihre passanten nicht zu halten.“ (sloterdijk). sie sind keine medien des wohnens.

automobilismus
untrennbar verbunden sind sie mit der geschichte des automobils, das vom luxusartikel allmählich zu einem thema der kulturkritik geworden ist.
die erfindung des automobils 1885 hat eine technologische revolution eingeleitet, die in der ersten hälfte des 20.jahrhunderts zu einer tiefgreifenden gesellschaftlichen transformation und einem einschneidenden raumphysiognomischen wandel geführt hat. die kfz-industrie ist von globaler ökonomischer und kultureller bedeutung. das automobil hat die lebenskultur von grund auf und auf dauer verändert.
- bis in die 70igerjahre war das auto implizit ein garant von individueller freiheit und weltoffenheit. der bau von parkhäusern galt als alternativlos. und schon die namen dafür zeugen vom ungebrochenen stolz ihrer erbauer: garagenpalast, garagenhof, hochgarage, turmgarage, casa dell automobile, autorimessa – allesamt KATHEDRALEN DER NEUEN AUTOMOBILITÄT.
- ab den siebzigern mit der aufkommenden ökologiebewegung setzte aber die kritik ein. das auto war nicht nur langweilig geworden, sondern als individuelles fahrzeug auch „fragwürdig“, es wurde zu einem „unding“ (siehe: „die unwirtlichkeit unserer städte“ mitscherlich). es stand plötzlich symbolisch nicht mehr für positive werte, sondern für negative: umweltverschmutzung, energieverschwendung, kindermord, unbewohnbare straßen, verschwinden von wäldern, etc. ein entideologisierter umgang mit dem auto ist seither nicht mehr möglich. in dieser zeit kennzeichnet sich die ästhetik des parkhauses durch „selbstverleugnung“: fassadenbegrünung und vergessenmachen der funktion bis hin zum verschwinden aus dem stadtbild. nur so glaubte man die soziale akzeptanz dieser ungeliebten gebäude gewährleisten zu können.
- seit den 90igerjahren wird das parkhaus wieder von der ästhetik der schmuddelarchitektur befreit. eine für das innerstädtische wohnen wieder attraktiver werdende stadt muss quartiersnahen parkraum zur verfügung stellen. parkhäuser werden im rahmen der postmoderne wieder zu medien der ästhetisierung des städtischen raumes und damit zu einem moment der kulturpolitik, des stadtmarketings und überregionaler städtekonkurrenz. dieser wille zu ästhetik ist mit dem globalen wandel des ökonomischen systems verzahnt. den bemühungen der kommunen um attraktivere innenstädte folgt die schaffung besserer verkehrsinfrastrukturen für bessere lebensqualität – parkhäuser sind wieder in der repräsentativen architektur angekommen.

architektur als erlebnisfeld und denkraum
kann man einen solchen ort nun als VIELSAGENDEN ORT betrachten? als einen, der auf einer weitgehend nichtsprachlichen ebene seine historisch je eigene geschichte erzählt? und wenn, welche geschichte wäre das? welche kulturell-symbolische bedeutungen hätte er?
„wir müssen uns nicht einbilden, dass uns die welt ein lesbares gesicht zuwendet, welches wir nur zu entziffern haben. die welt ist kein komplize unserer erkenntnis.“ foucault sensibilisiert mit dieser aussage für die nur auf grundlage flüchtiger annahmen und erwartungen mögliche diskursive annäherung an vergessene architekturen. architektur kann als räumliche wirklichkeit aufgefasst werden, deren sinnliches erleben parallel zur sprache der wörter den lexikalisch gesicherten kosmos des definierten unterströmt und so von einem nirgendwo be- und gestimmter umgebungen auf die in der zeit flüssige fortschreibung der bedeutungen einwirkt. es ist jenes leibliche und befindliche mitsein mit den räumen der architektur, das aus den „sandigen weiten des nicht-denkens“(foucault) ins situative denken und erleben räumlicher und gesellschaftlicher ensembles zurückschlägt.
so gesehen, wird architektur zu einem erlebnisfeld, das auch VORsprachlich wirkt – und für die kunst bedeutsam: als szenischer ort - das gebaute als erlebbarer „ausdruck“, „symbol“ oder „spiegel“ der gesellschaft, das es nicht nur zu bedenken, sondern vor allem zu „erfahren“ oder zu „ergehen“ gilt.
in der überlagerung von be-handeln, be-finden und be-denken sind auch verkehrsbauten mehr als ge-bäude. parkhäuser gehören zum selbstverständlichen inventar städtischer infrastrukturen. sie entzünden keine kulturpolitische debatte, sie sind „selbstverständlich“, durch die gebrauchsroutinen imprägniert gegen „fragwürdigkeit“. aber dieses selbstverständlich gewordene treibt sein wesen jenseits der begrifflichen sprache und wirkt an der konstruktion diffuser stadt-bilder mit.
unter diesen aspekten betrachtet, lassen sie sich als denkstücke einer gesellschaft auffassen, die den vielschichtigen idiosynkrasien des individualverkehrs eine präsentative stimme geben. sie erzählen die geschichte der ausbreitung neuer wohlstandkultureller werte, die von umweltethischen zweifeln und zukunftssorgen befreit sind. es sind schizophrene orte mit einer doppelten rolle in verkehr und kultur. introvertiert ist ihre narrative dimension, extrovertiert ihr ästhetisches erscheinen. hinter ihrem schönen oder hässlichen erscheinen sind parkhäuser mediale orte mythischer erzählungen. sie erzählen auf stumme weise eine geschichte vom verhältnis von gesellschaft und individualverkehr, um eine real existierende asymmetrie (ökologie versus bequemlichkeit) zu ordnen. so halten sie als gebrochene orte zusammen, was sonst im raum der stadt als offene wunde der gesellschaft aufbrechen und zum gegenstand eines politischen oder ethischen diskurses werden könnte.
hasse, jürgen: übersehene orte. zur kulturgeschichte und heterotopologie des parkhauses, bielefeld 2007; sloterdijk, peter: im weltinnenraum des kapitals, frankfurt 2005; marc augé: orte nicht orte, frankfurt 1992; mitscherlich, alexander: die unwirtlichkeit unserer städte, frankfurt 1972; foucault, michel : die heterotopien, frankfurt 2005